Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, mir eine chirurgische Kastration anzusehen. Auf einem landwirtschaftlichen Betrieb wurde die Vollnarkose unter Ketamin/Azaperon mit der Vollnarkose unter Isofluran verglichen. Bekanntlich ist Isofluran ein Treibhausgas – also umweltschädlich –, birgt Gefahren für die Ferkel und hat auch zum Teil erhebliche Nebenwirkungen für den Anwender. Deshalb sind die Tierärzteorganisationen einhellig gegen Isofluran und einige Tierärzte weigern sich, diese Narkoseform anzuwenden.  

Alle Nachteile ignorierend will Frau Klöckner die Isofluran-Narkose durch die Landwirte selbst erlauben und hat eine entsprechende Verordnung vorgelegt, die der Bundesrat demnächst genehmigen soll.

Gefahr für die Anwender besteht dabei durch das Einatmen des Gases, das beim Narkotisieren der Ferkel unweigerlich austritt sowie von ihnen in der nachfolgenden Aufwachphase abgeatmet wird. In diesem Zeitraum sollen sich beispielsweise schwangere Frauen nicht im Stall aufhalten, da eine Schädigung des Ungeborenen nicht ausgeschlossen werden kann…

Tierärzte, die mehrere Tiere nacheinander narkotisiert haben, klagen über Kopfschmerzen, Übelkeit, Benommenheit. Langfristig drohen ihnen bei häufiger Exposition sogar Leberschäden.

Die Hersteller der Narkosegeräte arbeiten daher an einer Verbesserung der Narkosemasken, in die der kleine Schweinerüssel gesteckt wird. Das ist nicht einfach, denn auch Ferkel sind nicht alle genau gleich gebaut, und bei schmalem Rüssel kann seitlich Gas entweichen.

Frau Klöckner kümmert das nicht: „Narkosegeräte, die bereits vor Inkrafttreten dieser Verordnung verwendet worden sind, dürfen weiter verwendet werden, auch wenn sie nicht den Anforderungen nach § 5 Absatz 2 Nummer 6 entsprechen.“ heißt es in der Verordnung. Ja klar, sie selbst betrifft es ja nicht!

 

Von der Tortur für die Ferkel ganz abgesehen: die werden mit maximal 7 Tagen von Mutter und Geschwistern getrennt um von einem mehr oder weniger geduldigen (Zeit ist Geld!) Landwirt in das Narkosegerät gesteckt zu werden. Das heißt, in eine metallene Vorrichtung, bei der der Rüssel in den Trichter eingeführt, der Bauch mit einem Bügel fixiert, das Schweinchen dann in der Vorrichtung auf den Rücken gedreht, seine Hinterbeine nach vorne geklappt und mit einem weiteren Bügel festgehalten werden. Während vorne das Gas in den Rüssel strömt wird das Tierchen langsam betäubt. Der Landwirt prüft die Betäubung und wenn er der Ansicht ist, dass diese tief genug ist, setzt er sein Skalpell an den Hoden an. Ein Schnitt rechts, Hoden herausdrücken, hochziehen, Samenleiter abtrennen, dann dasselbe am linken Hoden. Auf die Schnitte wird ein Desinfektionsspray gesprüht, das Ferkel aus dem Gerät befreit und für die Aufwachphase in eine separate Box gelegt. Je nach Ausführung können zwei, drei oder vier Ferkel gleichzeitig betäubt werden.

Was für ein Stress für die Tiere! Sie strampeln und quieken, wehren sich heftig gegen das Einlegen ins Narkosegerät, rutschen dem ungeübteren Landwirt fast aus den Händen oder zerren an dessen Nerven. Denn dieses Verfahren kostet ihn ohnehin rund 4 Minuten mehr Zeit als die betäubungslose Kastration, wenn sich das Ferkel sträubt kann es auch noch länger dauern. Bei hundert Ferkeln sind das dann schon rd. 6 ½ Stunden Mehraufwand, die der Landwirt eigentlich für andere Arbeiten benötigen würde. Es fragt sich, wie lange er da die Nerven hat, seine Ferkel ruhig und geduldig in das Gerät einzuspannen.

Nachdem wir dieses Verfahren bei vier Ferkeln ansehen konnten, kamen vier weitere, vorab per Injektionsnarkose mit Ketamin/Azaperon betäubte Ferkel an die Reihe. Da sie bereits narkotisiert waren, gestaltete sich das Einlegen in das Gerät deutlich einfacher. Es wurde auch nur dafür benutzt, die Tiere einzuspannen, damit die Kastration selbst leichter durchzuführen ist – eine zusätzliche Isofluran-Betäubung war natürlich nicht notwendig.

Leider setzt Ketamin die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herab, wodurch die Schnitte heftiger bluten; außerdem ist die Aufwachzeit sehr lang. Zwischen vier und sechs Stunden brauchen die Ferkel bis sie wieder sicher auf den Beinen stehen und zur Mutter zurück können. Eine lange Zeit, die sie nicht gesäugt werden, was bei Ferkel und Sau zu teils erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.

Neben all diesen Nachteilen hatten wir „Zuschauer“ auch das deutliche Gefühl, dass bei mindestens zwei Tieren jeder Methode die Betäubung noch nicht ausreichend tief war.

Sei es, dass ein Beinchen bei Berührung noch zuckte oder das ganze Ferkel noch leichte Abwehrbewegung zeigte – nicht nur ich hatte den Eindruck, dass man besser noch einige Minuten länger bis zum Eingriff hätte warten sollen.

Und man stellt sich die Frage: wenn schon bei einer Vorführung die Zeit bis zum Eintritt einer sicheren Betäubungstiefe knapp ist, wie wird es dann in der Praxis erst sein?

Nach wie vor: die einzig tierschutzgerechte, schnelle und kostengünstige Methode ist die Impfung.